Das mit Spannung erwartete TV-Duell zwischen der Bundeskanzlerin, Angela Merkel, und ihrem Herausforderer Martin Schulz zog am Sonntagabend Deutschland in seinen Bann. Doch hielt es auch, was es vorher versprach? Eine zugegeben subjektive Analyse.

Schon direkt nach dem TV-Duell wussten sowohl die Union, als auch die SPD wer dieses für sich hatte entscheiden können. Wobei, was heißt nach dem Duell? Die SPD schaffte sogar bereits deutlich vorher klare „Fakten“. So war ab Sonntagmorgen bei Google zu eine Anzeige geschaltet, dass Martin Schulz das TV-Duell gewonnen habe. Das Willy-Brandt-Haus schob dies später auf einen Fehler einer Agentur. Kann man so machen, zeigt aber wohl nur, dass man hier selbst nicht ganz sorgfältig arbeitete. Sei es drum, der Spannung vor dem Duell tat dies keinen Abbruch. Anders als bei den letzten Duellen, die seit 2002 regelmäßig stattfinden, gab es landauf und landab viele „public viewings“ des Duells, was in meinen Augen schon zeigt, dass dieses Format endgültig in der politischen Kultur Deutschlands angekommen ist und das ist auch gut so.

Gegenüber standen sich eine Frau, die für Besonnenheit, Sachlichkeit und Ruhe steht, der man dadurch aber gern auch mal Langeweile und eine gewisse biedere Spießigkeit nachsagt und ein Mann, der ankündigte voll auf Angriff zu gehen und dennoch nach seinem überraschenden Höhenflug in Umfragen zu Beginn des Wahljahres nur noch Rückschläge einstecken musste. So sah das Duell dann auch aus. Angela Merkel nutzte sehr geschickt ihre ganze Erfahrung aus nunmehr 12 Jahren Kanzlerschaft, indem sie immer wieder kleine, unbemerkte Spitzen verteilte. Wenn Schulz davon sprach, dass man Dinge europäisch regeln müsse, konterte sie, indem sie feststellte, dass sie daran bereits arbeitete, dass sie mit den Regierungschefs der europäischen Nationen oder den Präsidenten der USA oder Russland oder mit dem Präsidenten des Europäischen Rats bereits darüber sprach oder mit ihnen telefonieren werde. Sie konnte sich so als staatstragend und erfahren profilieren, während Schulz‘ Angriffe verpufften und meist nicht mehr als eine vage Ankündigung von dem blieben, was er vielleicht einmal tun würde, so denn er es überhaupt könnte.

Ärgerlich in meinen Augen war die Themensetzung der Moderatoren. Über die Hälfte der Zeit ging es um die Frage der Migration und der Flüchtlingsbewegung. Keine Frage, dies sind drängende Themen unserer Zeit, aber von einem TV-Duell der Kanzlerkandidaten der beiden großen Volksparteien hätte man erwartet, dass es auch Antworten geben muss, auf die Fragen nach der Zukunft unserer Gesellschaft, nach der Digitalisierung, nach der Zukunft der Arbeitsplätze in der Industrie, nach der Frage, wie es weitergeht, wenn der Brexit erfolgt ist oder nach dem Verhältnis zu den europäischen Nachbarn, ganz ohne Flüchtlingspolitik oder Eurorettung. Die Moderatoren haben es so verpasst, Akzente im Wahlkampf zu setzen, die die kommenden Wochen noch einmal hätten bestimmen können. So war es im Grunde ein Duell des großen Konsens zwischen zwei Koalitionspartnern, ohne etwa größere Kontroversen aufzuwerfen. Versucht hat es der Herausforderer zwar, diese Kontroversen zu suchen, aber er ist dabei an einer fast stoischen Kanzlerin abgeprallt, die genau wusste, was sie wann zu sagen hat, um dem Herausforderer keine Plattform zu bieten.

Ohnehin verlor sich Schulz mit zunehmender Dauer des Duells in Plattitüden und aufgesetzter Höflichkeit. Für jede zweite Frage bedankte er sich, zu oft gab er in meinen Augen der Bundeskanzlerin Recht und letztendlich wiegelte er bei dem Thema ab, das er selbst zum Wahlkampfthema schlechthin erklärt hatte. Als es um die Frage der sozialen Gerechtigkeit in Deutschland ging, die Schulz ja als gefährdet ansieht, antwortete er kurz und knapp und rettete sich in eine Auseinandersetzung um die Pkw-Maut. So konnte auch in diesem Punkt eher Angela Merkel punkten, die souverän davon sprach, dass Deutschland so gut dastehe, wie nie zuvor und man nun an den Stellschrauben drehen muss, damit dies auch für diejenigen gilt, die derzeit noch etwas abgehängt sind. Während Schulz sich über zwei Millionen Arbeitslose ärgerte, wies die Kanzlerin daraufhin, dass dies drei Millionen weniger seien, als zu ihrem Amtsantritt 2005, auch das ein Eigentor des selbsternannten Retters der sozialen Gerechtigkeit.

Martin Schulz wirkte teils sehr fahrig. Als er das SPD-Steuermodell zur Entlastung von Familien erklären sollte, wollte er partout ein konkretes Beispiel haben, um es zu erklären. Er warf mit allerhand Zahlen um sich, sodass der Zuschauer schon bald nicht mehr wusste, was genau jetzt die Aussage sein soll. Ein Steuermodell, das Familien entlasten soll, aber nur mit konkreten Beispielen funktioniert, kann also nicht übersichtlich sein, zumal am Ende auch nicht deutlich wurde, wie viel die Familie, die nach Angaben des Moderators 3.500 Euro brutto im Monat zur Verfügung hat, nun mehr hätte, wenn die SPD die Regierungsverantwortung hätte. Auch hier wirkte Angela Merkel souverän. Auch sie sprach davon, dass man Dinge im Einzelfall betrachten müsse, aber sie sprach eben auch davon, dass eine Steuerentlastung nur dann gut sei, wenn sie Familien unabhängig des Einkommens betrifft und das eben auch das CDU-Wahlprogramm so vorsehe. Zugegeben, sie nannte keine Zahlen, aber sie erklärte, dass im Regierungsprogramm der Unionsparteien eine merkliche Entlastung enthalten sei, sie meinte damit sicher beispielsweise das Baukindergeld oder den Steuerfreibetrag auf die Grunderwerbssteuer.

Auch die Schlussstatements sprachen eine klare Sprache. Während Martin Schulz zwanghaft sein auswendig gelerntes Statement versuchte runterzuspulen und sich dabei oftmals selbst überholte und durch mehrere kleine Pausen, in denen er wohl nachdenken musste, was folgt, zunehmend weniger souverän wurde, war es Angela Merke, die an die Zukunft dachte und wenigstens am Ende von Digitalisierung und Erhalt und Schaffung der Arbeitsplätze in Deutschland sprach. Ihr Abschlussstatement war nicht auswendig gelernt oder wirkte zumindest nicht so. Während Schulz teilweise wirkte, wie ein Viertklässler, der ein Gedicht auswendig gelernt hatte und nun vor der Klasse vortragen musste, sprach Merkel freier und spontaner und zeigte, weshalb die in aller Welt so respektiert wird.

Ja, Angela Merkel hat das TV-Duell gewonnen, das war auch mein Eindruck. In der ARD sprach man von 55 Prozent für Merkel gegen 35 Prozent für Schulz. Dies hat eine sogenannte Blitzumfrage von Infratest Dimap ergeben. Ich persönlich hatte eher den Eindruck, dass Angela Merkel sich gab wie ein gutes Turnierpferd, das nur so hoch springt, wie es muss und am Sonntagabend musste sie nicht sehr hoch springen. Martin Schulz hat in meinen Augen die Wahl gestern nicht verloren, wie einige Kommentatoren noch gestern Abend, aber auch heute schreiben. Er hat es aber verpasst, durch das TV-Duell eine Wende im bislang doch erstaunlich gemächlichen Wahlkampf zu erreichen. Wie vielen unentschlossenen Wählern das Duell zu einer Entscheidung verholfen hat, mag schwer zu beurteilen sein. Ich persönlich glaube, dass es nur denen geholfen hat, die auch vorher schon eine ungefähre Ahnung davon hatten, wen sie möglicherweise wählen könnten. Das TV-Duell hat aber den Wahlkämpfern für die kommenden drei Wochen eine Aufgabe mitgegeben, nämlich noch einmal mit voller Kraft für die jeweils eigene Partei und für die jeweiligen Kandidaten zu werben, denn spätestens jetzt liegt die Aufmerksamkeit dann doch gänzlich auf der Bundestagswahl und das ist die Voraussetzung, die es braucht, um in den verbleibenden Tagen bis zum 24. September, die große Zahl von unentschlossenen Wählern zu überzeugen.

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