Meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Vereinsvertreter,

liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
der deutsche Schriftsteller Martin Kessel hat einmal geschrieben:

„Der Krieg hat einen langen Arm. Noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer.“

 

Wenn wir nun am heutigen Volkstrauertag zusammen gekommen sind, so gedenken wir eben jener Opfer der Kriege des 20. Jahrhunderts. Opfer von Kriegen, das sind zumeist unschuldige Menschen. Menschen, die nicht freiwillig in den Krieg zogen. Menschen, die nicht freiwillig ihre Heimat verließen. Menschen, die für eine Sache starben, die nicht der eigenen entsprach.

Martin Kessel spricht jedoch davon, dass noch lange nach der Beendigung eines Kriegs, dieser Opfer fordert. Gerade die deutsche Geschichte zeigt dies doch sehr eindrucksvoll. Diejenigen, die lange nach der Beendigung kriegerischer Handlungen zum Opfer werden, sind die Familien von vermissten und gefallenen Soldaten. Das sind Mütter, Ehefrauen, Schwestern, Brüder und Kinder von jungen Menschen, die in sinnlosen Kriegen ihr Leben gaben. Diese Opfer sind oft die schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft, die auch dann noch leiden, wenn das große Leid vermeintlich beendet scheint. Opfer sind aber auch diejenigen, die vor Krieg fliehen müssen, die ihre Heimat verlassen, um nicht auch noch ihr Leben geben zu müssen.

 

Der Volkstrauertag ist auch für eben jene gedacht. Für all diejenigen, an die womöglich sonst niemand mehr denken würde. Erstmals wurde er 1922 in Deutschland begangen, um an die gefallenen Soldaten des ersten Weltkriegs zu gedenken. Er hätte zur damaligen Zeit mehr Mahnung als Gedenken sein sollen, denn geschichtlich gesehen nur kurz darauf stürzten Schergen eines Terrorregimes Deutschland, Europa und die Welt in einen noch verheerenderen Krieg. Die Nationalsozialisten missbrauchten den Volkstrauertag und machten ihn zum Heldengedenken. Nun war nicht mehr der mahnende Gedanke der Trauer Mittelpunkt dieses Tages, sondern eine Verklärung der Geschichte, in welcher die nationalsozialistische Ideologie die Opfer des Krieges für ihre Zwecke missbrauchten.

 

Heute 100 Jahre nach Ende des ersten Weltkriegs, 80 Jahre nach den Schrecken der Reichspogromnacht und 73 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs stehen wir zusammen an den Gräbern und Gedenktafeln von eben jenen Opfern, die zu früh von uns gingen. Ihre Geschichten sind uns heute Mahnung und Aufforderung zur Erinnerung zugleich.

Wenn wir uns nicht bewusst sind, dass Kriege, so fern sie derzeit für uns sein sollten, auch lange nach Ende oder weit entfernt vom Handlungsort ihre Opfer fordern, so verkennen wir unsere Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass die Geschehnisse der beiden großen Kriege im 20. Jahrhundert keine Wiederholung finden.

 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

ich bin zu jung, um aus eigener Erfahrung zu wissen, was Krieg und Vertreibung bedeutet. Ja, selbst die Generation meiner Eltern kennt Krieg nur aus Erzählungen. Das ist das Glück unserer Generationen. Aber wir haben auch heute noch Menschen unter uns, die Krieg erlebt haben. Die auch in unserem Ort, in Kellern ausharrten, wenn der Fliegeralarm losging. Wir haben Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Familienangehörige und Freunde in den Schlachtfeldern des zweiten Weltkriegs verloren. Wir haben Menschen in unserer Mitte, deren Brüder und Väter verwundet aus dem Krieg kamen und die noch Jahre nach dem Ende des Kriegs zu Opfern dieser Zeit wurden.

Wir sollten diesen Menschen zuhören. Wir sollten sie anhören und wir sollten ihre Erzählungen gut behalten, denn irgendwann wird es zu spät sein und wir können diese Mitmenschen nicht mehr fragen, wie es war, als die Straße Alt-Erlenbach noch Adolf-Hitler-Straße hieß oder wie es war, als man zu den Bahnhöfen nach Bad Vilbel und Frankfurt fuhr, um bangend zu warten, ob der eigene Vater, der Bruder und Ehemann aus dem Kriege nach Hause kommt.

 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

meine Bitte heißt, fragt! Lasst euch erzählen, was damals geschah und bewahrt diese Erzählungen für nachfolgende Generationen auf und vor allem, erzählt diese Geschichte denen, die heute wieder hetzen und in Brandreden dem Nationalismus frönen. Fragt diese Menschen, die die Gesellschaft wieder in Gruppen einteilen, ob sie die Geschichten ihrer Eltern und Großeltern denn nicht mehr im Kopf hätten. Fragt sie, ob sie vergessen haben, dass ein Krieg nicht mit dem ersten Schuss beginnt, sondern mit Demagogen, die von der Kanzel aufhetzen und ein Land, einen Kontinent und die Welt in ein großes Unglück stürzen.

 

Wir alle stehen heute hier auf dem Friedhof und gehen gleich zu den Gedenktafeln für unsere gefallenen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Lasst uns gleich einen Blick auf diese Tafeln werfen. Wir werden Namen lesen, die noch heute unser Nieder-Erlenbach prägen. Namen, die uns alle bekannt sind. Hinter diesen Namen stehen Daten. Einmal das Geburtsdatum und dann das Jahr, in dem diese Menschen ihren Tod fanden. Viele waren gerade Anfang 20, einige nicht einmal dies. Es sind eben solche Namen und Zahlen, die uns dazu bringen sollten, innezuhalten und daran zu denken, dass Krieg auch immer bedeutet, dass die junge Generation, dass Menschen, die die Zukunft einer Gesellschaft sein sollten, Opfer werden. Mit ihnen werden dann aber auch Familien zu Opfern, lange, nachdem ein Krieg endet.

 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

nur wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir für ein vereintes Europa eintreten. Nur wenn uns Krieg, Vertreibung und die Opfer dieser Taten und Geschehnisse eine Mahnung sind, können wir nachfolgenden Generationen Frieden vermitteln. Lassen Sie uns dies gemeinsam tun.

 

Totengedenken:

Wir denken heute

an die Opfer von Gewalt und Krieg,

an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken

der Soldaten, die in den Weltkriegen starben,

der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder

danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und

Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer,

die verfolgt und getötet wurden,

weil sie einem anderen Volk angehörten,

einer anderen Rasse zugerechnet wurden,

Teil einer Minderheit waren oder deren Leben

wegen einer Krankheit oder Behinderung

als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer,

die ums Leben kamen, weil sie Widerstand

gegen Gewaltherrschaft geleistet haben,

und derer, die den Tod fanden, weil sie an

ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern

um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage,

um die Opfer von Terrorismus und

politischer Verfolgung,

um die Bundeswehrsoldaten und

anderen Einsatzkräfte,

die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer,

die bei uns durch Hass und Gewalt gegen

Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

 

Wir trauern mit allen,

die Leid tragen um die Toten und

teilen ihren Schmerz.

Aber unser Leben steht im Zeichen der

Hoffnung auf Versöhnung unter den

Menschen und Völkern,

und unsere Verantwortung gilt dem

Frieden unter den Menschen zu Hause

und in der ganzen Welt.

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