Die neue Legislaturperiode hat gerade erst begonnen, der Ortsbeirat ist noch nicht konstituiert und doch gibt es das erste „große“ Thema, das das neu gewählte Stadtteilparlament beschäftigt. Das Sozialdezernat hat angekündigt, dass in Nieder-Erlenbach eine Containeranlage für bis zu 60 Flüchtlinge errichtet wird. Nieder-Erlenbach ist der nördlichste Stadtteil Frankfurts und an den Ausläufern der Wetterau gelegen. Der Charme des Stadtteils liegt sicherlich in seinem dörflichen Charakter und der Bewahrung vieler Traditionen. Man kennt sich im Ort und lebt abseits der Anonymität einer Großstadt. Das rege Vereinsleben trägt dazu bei, dass das ganze Jahr diverse Veranstaltungen stattfinden und für jeden Bürger etwas dabei ist. Ob Sport, ob Kultur, ob Grillfest oder Weihnachtsmarkt, alles ist im Jahreskalender fest verankert. Das Vereinsleben führt aber auch zu einer schnellen Eingewöhnung neuer Bürger in Nieder-Erlenbach. Wo sonst kann man sich besser kennenlernen, als im Sportverein oder bei der Fassenacht? Wo sonst finden Menschen schnell zueinander, als bei der Freiwilligen Feuerwehr oder bei den Landfrauen? Ob Sänger, Schützen oder Angler, für alle ist etwas geboten in Nieder-Erlenbach. Das war schon immer so, das hat Tradition. Hört man Erzählungen aus früheren Jahren war dies „damals“ vielleicht sogar noch ausgeprägter, aber auch heute ist es noch üblich, einem Verein in Nieder-Erlenbach beizutreten.

Vielleicht war es diese große Tradition des Vereinslebens, das es den vielen Flüchtlingen und Vertrieben nach dem zweiten Weltkrieg ermöglichte, schnell Fuß zu fassen in der neuen Heimat, als sie nach Nieder-Erlenbach kamen. Vielleicht war es die teilweise raue, aber doch sehr herzliche Art der Nieder-Erlenbacher, die es den Sudetendeutschen, den Egerländern, den Schlesiern und Pommern einfach machte, sich in der neuen Heimat schnell wohl zu fühlen. Möglicherweise waren es die Menschen, die hinter den Vereinen stehen, die Ämter bekleiden und das Vereinsleben am Laufen halten, die es dann in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren schafften, die als Gastarbeiter gekommenen Menschen aus der Türkei, aus Portugal und Italien sowie später aus Marokko in den Ort zu integrieren und sie selbstverständlich in die Mitte Nieder-Erlenbachs aufzunehmen. Ganz sicher ist jedoch, dass all diese Menschen blieben und noch heute die nachfolgenden Generationen gerne in Nieder-Erlenbach leben und sich weiterhin am reichhaltigen gesellschaftlichen Leben des nördlichsten Stadtteils Frankfurts beteiligen.

Nun sollen also bis zu 60 Flüchtlinge in eine Containeranlage nach Nieder-Erlenbach ziehen. Für fünf Jahre heißt es, habe die Stadt Frankfurt ein Grundstück angemietet, um eine „Übergangsunterkunft“ für die Menschen zu errichten, die nach Deutschland kamen, um vor Krieg und Terror zu fliehen. 60 Menschen, die ihr Hab und Gut hinter sich ließen oder berappten, um den langen Weg nach Europa auf sich zu nehmen. 60 Menschen, die teilweise ihre Familie verließen, um in Sicherheit zu kommen. 60 Menschen, die vor Unrecht, Leid und aus Angst um das eigene Leben flohen. 60 Menschen, das sind rund 1,2 Prozent der Nieder-Erlenbacher Bevölkerung.

Wir Nieder-Erlenbacher leben heute in der „Sudetenstraße“ oder in der „Egerländer Straße“, haben ein neues Haus in der „Sorbenstraße“, die Geschichte von Flucht, Vertreibung und Migration ist also ein Teil Nieder-Erlenbachs. Also ist es selbstverständlich und keine Frage, das wir auch heute wieder helfen, Menschen Schutz zu bieten. Für mich persönlich ist es keine Frage, dass die Flüchtlinge, die zu uns nach „Erlebach“ kommen, hier gut und sicher aufgenommen werden. Ich bin mir sicher, dass die Ortsgemeinschaft alles dafür tun wird, dass sich diese Menschen hier sicher fühlen und bei uns eine (vorübergehende) neue Heimat finden werden. Wir haben in Nieder-Erlenbach die Kraft und die Vision, die es uns ermöglichen, den Menschen zu helfen. Auch hierfür wird das rege Vereinsleben wieder Schlüssel und Mittelpunkt sein.

In Nieder-Erlenbach gibt es ein Sprichwort: „Wer einmal Nieder-Erlenbacher Wasser getrunken hat, der kommt immer wieder“. Deutet man es um, könnte es auch heißen, wer einmal nach Nieder-Erlenbach kam, der fühlt sich wohl und geborgen. Genau das ist es, was wir nun erreichen wollen und in meinen Augen auch werden. Wir heißen unsere neuen Mitbürger schon jetzt herzlich willkommen,

„denn hört mer was von Erlebach, von seinem Äppelwei, dann wird geschunkelt und gelacht und jeder stimmt mit ein.
Ein Mädel im Arme, en Schoppe Äppelwei, des kann doch auf Erden der Himmel für uns sein,
erst schaff deine Arbeit, dann freu dich sing und lach,
ich lieb dich über alles, mein schönes Erlebach!“

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